GWR: Die Bibliothek der Freien gibt es seit mehr als dreißig Jahren. Es ging bei euch 1993 los – damals noch unter dem Namen „Barbata“ in der Kreuzberger Kneipe El Locco. Könnt ihr die wichtigsten Etappen der Entwicklung benennen?
Bibliothek der Freien: Nach der Schließung des El Locco sind wir 2000 im „Haus der Demokratie“ in Berlin-Prenzlauer Berg eingezogen. Dort ist seitdem der Freihandbestand der Bibliothek öffentlich zugänglich. Seit 2001 verfügt die Bibliothek über eine eigene Homepage, die laufend weiterentwickelt wird, seit 2006 bringen wir eine eigene Schriftenreihe heraus („Findmittel und Bibliographien“, bis jetzt drei Bände mit Gratis-Download). Seit 2019 hat die Bibliothek einen professionellen Online-Katalog, der mit der freien Software Koha erstellt wird und seit Ende 2022 den gesamten Medienbestand verzeichnet. Darüber hinaus wird das seit 1986 existierende Projekt „Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus – DadA“, das seit Mitte 2021 nur noch als Archiv-Version der Online-Plattform DadAWeb existiert, mit der Abteilung „Periodika des Neoanarchismus ab etwa 1967“ weiter geführt. Mit Stand Februar 2023 sind insgesamt 1.628 Periodika mit ausführlichen bibliographischen und inhaltlichen Beschreibungen erfasst und über unsere Website zugänglich.
Mit den über 31 Jahren, die wir inzwischen existieren, können wir für Anarcho-Verhältnisse als ganz schön zäh und langlebig gelten, was unserer Sammlung zugutekommt. Existenzielle Krisen mussten wir zum Glück noch nicht durchstehen, aber der Trend vieler Leute zum vorübergehenden und eher unverbindlichen Engagement ist problematisch für ein Bibliotheks-Projekt, das auf Dauer angelegt ist. Zu den positiven Entwicklungen zählen die vielfältigen Angebote der Bibliothek, wie zum Beispiel das langjährige Veranstaltungs-Programm. Wer kontinuierlich mitarbeiten will oder weitere Projekte im Rahmen der Bibliothek aufziehen möchte, ist herzlich willkommen.
Der Name „Bibliothek der Freien“ spielt auf den in Berlin ansässigen lockeren Zusammenschluss der Freien im Berliner Vormärz an. Was bedeutet euch diese Namensgebung bzw. wie spiegelt sich diese in eurem Selbstverständnis wider?
Im unruhigen Berlin vor der 1848er Revolution hatten sich die Berliner „Freien“ zu einem kritisch-respektlosen Debattierclub zusammengeschlossen, dessen Treffpunkte sich im Zentrum des alten Berlins befanden, also nicht weit vom heutigen Standort unserer Bibliothek entfernt. Wenn auch nur ein knappes Jahrzehnt im Brennpunkt der Öffentlichkeit stehend, markieren die Berliner Freien doch eine jener radikal-freiheitlichen Traditionslinien, an denen die politische Kultur in Deutschland leider so arm ist. So schien es uns sinnvoll, mit dem Namen Bibliothek der Freien bewusst einen historisch-lokalpolitischen Bezug herzustellen; auch im Interesse eines libertären Regionalismus, der sich freiheitlichen Traditionen vor Ort verbunden fühlt und an diese anzuknüpfen sucht.
In der Geschichte der Bibliothek der Freien musstet Ihr auch schon Erfahrungen mit der Engstirnigkeit von Teilen der „Szene“ machen. Mitunter wurde euch vorgeworfen, dass ihr in der Bibliothek auch die Werke kontroverser Theoretiker_innen wie Pierre-Joseph Proudhon habt und nicht-anarchistische Autor_innen führt. Was entgegnet ihr diesen partiellen Vorurteilen innerhalb der Szene?
Aus unserer Sicht ist Deutschland eine Art anarchistisches Entwicklungsland, daher wollen wir allen Interessierten authentische Informationsangebote zum Anarchismus zur Verfügung stellen und sammeln hierfür Medien aller anarchistischen Strömungen, aus allen Zeiten und in allen Sprachen. Wir sammeln ALLES mit anarchistischem Bezug, dieser Bezug kann authentisch sein, aber auch irrig, kann positiv ausfallen oder kritisch. Wir versuchen den weiten Horizont, den Libertäre haben sollten, in unserer Bibliothek abzubilden. Dazu zählen neben den klassischen Werken auch Randgebiete, wie herrschaftskritische Ethnologie oder antiautoritäre Strömungen in der Literatur, und sogar plumpe anti-anarchistische Pamphlete, die wir selbst unsympathisch finden, die aber trotzdem dokumentiert werden sollten. Von der Kirche bis zur Stasi haben schon viele versucht, unliebsame Literatur zu verbieten oder zu verbrennen, wir präsentieren nicht unsere Lieblings-Vorstellung, sondern versuchen jedwede Bezugnahme auf Anarchismus zu dokumentieren.
Die „klassische“ Bibliothek wird als Auslaufmodell angesehen, die Entwicklung geht in Richtung „Mediatheken“. Inwiefern findet sich das auch bei euch wieder? Welche Medien außer Bücher, Broschüren und Zeitschriften können bei euch entliehen werden?
Die substanziellsten Angebote zu den verschiedenen Aspekten des Anarchismus gibt es leider immer noch nur in Printform, das ist das Gedächtnis der libertären Bewegung, in dem sich häufig bis heute der aktuellste Forschungsstand spiegelt. Aber unser Medienverständnis geht darüber hinaus: In unseren Beständen finden sich Audio-CDs, DVDs, Podcasts sowie Netzpublikationen – letztere sind über unsern Online-Katalog verlinkt und über das Internet direkt einsehbar.
Wie muss ich mir die klassischen Nutzer_innen der Bibliothek der Freien vorstellen?
Einerseits nutzen Leute unser Informations- und Beratungsangebot, sind also auf der Suche nach substanziellen Informationen rund um den Anarchismus. Andererseits gibt es die Fachleute, die spezielle Fragestellungen recherchieren wollen. Beide Gruppen sind uns gleichermaßen ans Herz gewachsen. Dabei ergibt sich idealerweise ein qualitativ hochwertiger Austausch, bei dem wir fachlich gefordert werden, aber auch vom Potenzial der Nutzer_innen profitieren können.
Über wie viele physische Medien verfügt ihr derzeit etwa? Was sind die zwei, drei absoluten Highlights in euren Beständen?
Wir verfügen derzeit über 5.250 Bücher und Broschüren, mehr als 1.480 Zeitschriften-Titel und etwa 100 CDs/DVDs (Stand: Ende September 2024). Zu den Highlights zählt einerseits unser Bestand an sogenannter Grauer Literatur, die nicht über den Buchhandel vertrieben wird und damit selbst in National-Bibliotheken fehlt. Ansonsten sind wir glücklich über zahlreiche Erstausgaben aus den 1920er und 1950er Jahren und über unser historisches Zeitschriften-Archiv, das unter anderem vollständige Sammlungen der „Direkten Aktion“, der „Graswurzelrevolution“, des „Schwarzen Fadens“ und vieler anderer Titel umfasst. Außerdem verfügen wir über spanischsprachige Zeitschriften, unsere älteste Nummer bis jetzt: „La Revista Social. Eco del Proletariado“ aus Madrid vom 6. März 1884. Ganz witzig: „El Chauffeur“, das Organ der anarchistischen Taxifahrer in Montevideo (Uruguay) von 1921. Daneben auch Zeitschriften der CNT und der FAI aus dem Spanischen Bürgerkrieg.
Kooperiert ihr mit anderen anarchistischen Bibliotheken und Gruppen im deutschsprachigen Raum bzw. darüber hinaus?
Es gab und gibt Kontakte zum AnArchiv, zur Biblioteka Anarchistyczna in Poznań (PL), zum CIRA in Lausanne und vielen anderen. Wir sind Mitglied in der FICEDL, der Föderation libertärer Dokumentationszentren (Fédération internationale des centres d’études et de documentation libertaires). Wenn wir personell breiter aufgestellt wären, würden wir hier gern mehr machen.
Ihr verfügt auch über eine Reihe von Nachlässen im Archiv – u. a. von Andreas Graf, Rudi Dutschke, Bernd und Karin Kramer. Könnt ihr ein bisschen darüber berichten?
Unser Archivbereich Nachlässe und archivalische Sammlungen gehört zum geschützten Altbestand und kann auf Nachfrage zugänglich gemacht werden. Das Archiv umfasst bis jetzt 14 Abteilungen, dazu gehören Materialien zum Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939), Dokumente zum anarcho-syndikalistischen Widerstand in der NS-Zeit, das Archiv des Karin Kramer Verlags und vieles mehr – alles aufgelistet auf unserer Homepage. Bei der Aufarbeitung von Archivmaterial ist viel Zeit und Sorgfalt nötig, das reicht von Sortierarbeiten über die Ablage in zertifizierten Mappen und Kartons bis zur Erarbeitung von Findbüchern. Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Seit ein paar Jahren kommen Leute mit ihren Schätzen auf die Bibliothek zu – im Herbst 2009 schrieb uns die Urenkelin des Berliner Anarcho-Syndikalisten und Verlegers Fritz Kater an, ob wir an seinen Papieren (aus Familienbesitz) Interesse hätten. Na klar, hatten wir.
Inwiefern wird eure Bibliothek von der „Szene“ genutzt und inwieweit greifen wissenschaftliche Einrichtungen oder Studierende auf eure Materialien zurück?
In der Bibliothek wird niemand ausgefragt, zu welchem Zweck gestöbert und gelesen wird. Wir sind auf alles vorbereitet und breit aufgestellt, von Einführungen bis Spezialthemen. Gut sortiert sind wir zum Beispiel beim Thema Anarcho-Syndikalismus – das hat kürzlich dazu geführt, dass wir mit der FAU Berlin spezielle Nutzungsbedingungen für ihre Mitglieder vereinbaren konnten, um ihnen den direkten Zugang zu unseren Beständen zu ermöglichen. Wir erhalten aber immer wieder auch Anfragen aus Uni-Kontexten zu Fernleihe und Scan-Möglichkeiten.
Die Internationale der Kriegs-dienstgegner*innen (https://www.idk-info.net) bietet in der Bibliothek der Freien nach Vereinbarung individuelle Beratung zur Kriegsdienstverweigerung an.
Wie läuft die Zusammenarbeit mit den verbliebenen anarchistischen Verlagen?
Wir versuchen, das aktuelle libertäre Publikationsgeschehen abzubilden, soweit unsere finanziellen Möglichkeiten das zulassen. Darüber hinaus würden wir uns wünschen, dass Autor_innen und Verlage uns als Schaufenster und Gedächtnis des Anarchismus in Deutschland wahrnehmen und nutzen, was wir ja auch sind.
Wie ist die derzeitige Situation eurer Bibliothek und des Archivs? Welche Unterstützung wünscht ihr euch?
Wir sind jetzt mehr als 30 Jahre auf Sendung und mittlerweile die vielleicht größte Anarchismus-Sammlung zwischen Moskau und Amsterdam. Damit haben wir ein Level erreicht, bei dem wir zur Fortsetzung unserer Arbeit und zum weiteren Ausbau unseres Angebots auf Unterstützung angewiesen sind: Neben immer willkommener tatkräftiger Mitarbeit benötigen wir auch kontinuierliche finanzielle Unterstützung, die übrigens auch steuerlich absetzbar ist. Leute, werdet Fördermitglied der Bibliothek der Freien!
Neues Archiv für die
Bibliothek der Freien:
Jede Spende hilft!
Uns erreichen mehr und mehr Anfragen zur Ausleihe, Einsicht und Aufnahme neuer Archivmaterialien. Der Platz im provisorischen Archiv ist aber schon aufgebraucht. Wir brauchen dringend einen größeren Archivraum! Das wird zusätzlich Geld kosten, für den Umzug und die laufenden Ausgaben. Also gerne Hände an die Tastatur oder das Smartphone und Dauerauftrag einrichten oder einen Beitrag spendieren – glücklich glänzende Anarchxaugen garantiert. Regelmäßige Spenden helfen uns am meisten. Auf Deinen ausdrücklichen Wunsch könnten wir uns sogar dazu hinreißen lassen, Dir Beweisfotos zu schicken!
Allerbesten Dank von der Bibliothek der Freien!
Spendenkonto der Bibliothek der Freien BIC: GENODEF1SLR, IBAN: DE79830654080004566548
Bibliothek der Freien.
Anarchistische Bücherei und Archiv in Berlin,
Greifswalder Straße 4, 2. Hof, Raum 1102,
10405 Berlin (Prenzlauer Berg)
Öffnungszeiten: Mi.-Fr. 18-20 Uhr
Website: bibliothekderfreien.de ;
E-Mail: DieFreien@BibliothekderFreien.de