Viel wurde über die solidarischen Ökonomien in Rojava und die zapatistische Bewegung in Chiapas (Mexiko) geschrieben, reflektiert und diskutiert. Weitaus weniger bekannt, aber durchaus eine Auseinandersetzung wert, ist da der Versuch zum Aufbau „einer sozialistischen, mehrheitlich Schwarzen, ökologischen Modellgesellschaft in der schrumpfenden Hauptstadt Mississippis“. (S. 236). Der Band „Aufbruch in Jackson“ dokumentiert nun wichtige Erkenntnisse aus Theorie und Praxis dieser geschichtsträchtigen Bewegung.
Inmitten eines der ärmsten und zugleich rassistischsten Staaten der USA entwickelten 2010 die New Afrikan People’s Organization und die Malcolm X Grassroots Movement, angelehnt an die Ideen der Republic of New Africa, den „Jackson-Kush-Plan“. Dieser sollte als Ausgangspunkt für die Entwicklung einer sozialistischen, ökologischen und diskriminierungsfreieren Gesellschaft in Jackson und darüber hinaus dienen. Er beinhaltet drei Säulen: erstens die Gründung einer Volksversammlung, um die politische Autonomie der Bevölkerung zu fördern, zweitens die strategische Unterstützung politischer Kandidat*innen, die im Sinne des Plans handeln, und drittens den Aufbau einer breit angelegten solidarischen Ökonomie, welche die Community versorgen und dabei die wirtschaftliche Autonomie der Schwarzen Community garantieren soll. Der Plan ist dabei von der Idee geleitet, dass ein starkes Gemeinwesen, wirtschaftliche Demokratie und Diskriminierungsfreiheit konkrete und nachhaltige Antworten auf die Lebensrealitäten einer von Armut geprägten Stadt und deren mehrheitlich Schwarzen, prekarisierten Arbeiter*innenklasse geben können.
Ausgehend davon wird in „Aufbruch in Jackson“ eine Vielzahl von politisch-ökonomischen Initiativen beschrieben, bei denen man als Einsteiger*in schnell den Überblick verlieren kann, wofür das Glossar sowie die Zeittafel im Anhang sehr hilfreich sind. Einen prominenten Platz nimmt dabei die erfolgreiche Wahlkampagne für den Schwarzen Anwalt Chokwe Lumumba ein, der 2013 Bürgermeister wurde und sich explizit für einen radikalen Wandel der Stadt Jackson aussprach. Ausführlich wird auch die Arbeit der Cooperation Jackson besprochen, die ein Netzwerk aus regionalen Kooperativen aufbauen will. Während der Corona-Pandemie gelang es einem Unternehmen des Netzwerks bspw., in großem Stil kostenlose Masken für die Community zu produzieren.
Wie alle Projekte, die auf radikale Transformation im Bestehenden abzielen, ist auch die Bewegung in Jackson mit einer Vielzahl an Widersprüchen und Beschränkungen konfrontiert. Dabei tritt immer wieder die Ambivalenz der Nutzung politischer Ämter für die eigenen Zwecke hervor. Kali Akuno, Mitbegründer der Cooperation Jackson, reflektiert z.B. die Konflikte, die aus dem im Neoliberalismus verstärkten Zwang hervorgehen, die Städte wie Unternehmen zu führen sowie die damit einhergehenden widersprüchlichen Handlungen der Stadtadministration. Akuno weist hier auf die Wichtigkeit einer großen, selbstorganisierten Basis hin, deren Entwicklung durch den Fokus auf den Wahlkampf vernachlässigt wurde.
Vor allem die Schilderungen der Ambivalenzen verhelfen diesem Buch zu einem ehrlichen Blick auf ein revolutionäres Projekt. Es öffnet Augen und lässt weiterdenken, statt politische Fabeln zu erzählen. Gerade dadurch wird es zu einem soliden und fruchtbaren Einführungswerk.
Build and Fight
Dokumentation eines öko-sozialistischen Experiments in Mississippi
Kali Akuno, Cooperation Jackson, Ajamu Nangwaya (Hg.) Aufbruch in Jackson. Schwarze Selbstverwaltung und solidarische Ökonomie. Aus dem Englischen übersetzt von Michael Halfbrodt & Michael Schiffmann, mit einem Vorwort von Mason Herson-Hord, Unrast, Münster 2023, 304 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-89771-174-7