Wandern rund um die Bakuninhütte

| Lou Marin

Wanderbares Meiningen. 25 Touren rund um die Theaterstadt Verlag Grünes Herz, Ilmenau/Thüringen 2024, 130 Seiten, 15 Euro, ISBN 978-3-86636-393-9

Ich habe ein Faible für historische Orte der anarchistischen Geschichte. Zum Beispiel war ich schon im Gandhi-Ashram von Ahmedabad/Indien, von wo aus der Salzmarsch 1930 losging. Ebenso auch in Boston-South-Braintree, wo 1920 der Überfall auf den Geldtransporter stattfand, für den die Anarchisten Sacco und Vanzetti 1927 zu Unrecht hingerichtet wurden. Außerdem in Algiers Rue de Lyon, in der Albert Camus geboren wurde, sowie in St. Petersburgs Peter-und-Paul-Festung, in der Bakunin kurzzeitig gefangen war. Doch warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?
Wer ist schon mal vom Bahnhof Meiningen an der Werra, in Südthüringen, hoch zur Bakuninhütte gewandert? Ich schon, obwohl ich kein Wanderfreak bin.
Der „Wanderverein Bakuninhütte“ hat nun einen Wanderführer mit 25 Touren in und um Meiningen herausgegeben, von denen zwei (Tour 8 und 12) direkt an der „Bakuninhütte“ vorbeiführen.
Die Geschichte der Bakuninhütte, seit 2015 unter Denkmalschutz, seit 2018 Teil des Häuser-Netzwerks der „NaturFreunde“, wird auf den Seiten 112 bis 115 dargestellt: Auf dem 490 Meter hohen Plateau bauten Aktive der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft FAUD Anfang 1927 ein Steinhaus zum Schutz vor Wind und Wetter.
„Die Bakuninhütte war ein Anlaufpunkt für Freigeister aus der ganzen Republik“ (S. 113), u.a. für Augustin Souchy, Ernst Friedrich und Erich Mühsam oder den anarchistischen Wanderarbeiter und Buchbinder Fritz Scherer. 1933, kurz nach Beginn des zweiten Erweiterungsbaus, konfiszierten die Nazis die Hütte, die bis 1937 von SS- und HJ-Wandergruppen zweckentfremdet wurde. Nach der Befreiung wurde die Hütte der SED als Eigentum übertragen und diente als „Pionierlager“ für Kinder. 1962 wurde sie in „Karl-Kneschke-Hütte“ umbenannt, um jede Erinnerung an die anarchistische Geschichte zu tilgen, wie es für die Politik leninistischer Parteien üblich war. Von 1969 bis 1989 nutzte die DDR-Bereitschaftspolizei das Areal für Manöver. Mehrere Versuche von Anarchosyndikalist*innen, nach der Wende 1989, die Hütte zurückzugewinnen, scheiterten bis 2005, als der „Wald- und Wanderverein Meiningen“ das Haus erwarb. 2006 wurde dann der „Wanderverein Bakuninhütte“ gegründet und mit Reparaturarbeiten begonnen. Doch die Baubehörde untersagt seit 2011 die Nutzung für Gastronomie und Übernachtungen, so dass die Hütte heute als Zwischenstopp auf Wanderungen fungiert.
Der russische Anarchist Bakunin starb 1876 im Alter von 62 Jahren im Exil in Bern. Er selbst war also nie auf der Hütte, sie wurde von der FAUD nur nach ihm benannt. Über den Namensgeber lesen wir auf Seite 115: „Grundlage der Theorie von Michail A. Bakunin war die Freiheit des Menschen. Sein Ziel war die Errichtung einer klassenlosen, auf dem Individuum gegründeten Gesellschaft, in der jegliche staatliche Autorität überflüssig wäre und in der alle Produktionsmittel in Allgemeineigentum überführt werden sollten. Als Wortführer des antiautoritären Flügels in der Ersten Internationalen wurde er zum Gegenspieler von Karl Marx.“
Es hätte auch noch was über den Unterschied zwischen Bakunins kollektivistischem und Kropotkins kommunistischem Anarchismus gesagt werden können, aber gut, die heutigen Wandersleute sollen wohl nicht mit zu viel Theorie konfrontiert werden. Die Idee dieses auch praktisch gut nutzbaren Wanderführers ist es, mit anarchistischer Erinnerungsarbeit unaufdringlich auch in ein bürgerliches Spektrum von Wander-Liebhaber*innen hineinzureichen. Und das ist eindrucksvoll gelungen.