Auf der obersten Erzählebene geht es in dem Roman Hyphen um eine Utopie nach dem Zusammenbruch der Stromnetze. Der erste Stromausfall ist 2025, der dritte 2027 führt dann zum endgültigen Abschalten der Stromnetze. Es geht um das Zusammenleben vieler, wobei eine „enge Kooperation der Gemeinschaft“ wichtig ist, sich dabei gegenseitig zu unterstützen (Mutual Aid). Dafür werden teils lang erprobte Techniken hervorgeholt und praktiziert, wie DIY (Do it yourself), Prepper, Selbstversorgung und Kollektivküchen. Das Ganze wirkt wie eine Graswurzelrevolution, und der Begriff taucht in der Tat einmal im Buch auf: Eine „Dorfgemeinschaft […] und zwar nicht von oben nach unten angeordnet, sondern als dezentral organisierte Graswurzelrevolution.“ (S. 274) Als ein Vorbild wird Rojava gesehen, „weil [dort] die alles durchdringende Selbstverwaltung einfach anpassungsfähiger und resilienter sei, schneller auf Krisen und große Veränderungen reagieren könne […] als die Aufrechterhaltung eines Staatsapparats, einer abstrakten Ideologie oder eines diktatorischen Regimes“. (S. 146)
Das Internet wird durch reisende Protokollant*innen ersetzt, die meistens mit ihren Fahrrädern von Dorf zu Dorf fahren, dabei alles für eine riesige Enzyklopädie zusammentragen, um diese Informationen dann zu verteilen. Diese Idee basiert auf dem „Kybernetiker Stafford Beer, der 1972 in Chile ein Internet aus […] einem Haufen Telex-Maschinen geschaffen“ (S. 24) hat.
Gelungen ist, wie sich Luise Meier einfühlen kann in das Denken der Reichen, die sich großteils nach den Stromausfällen abgesondert und verbarrikadiert haben. Am Beispiel eines früheren Kellners zeigt sie gekonnt, wie man sich verbal solchen Leuten nähern und dann auch überzeugen kann, da hier rein sachliche Argumente nicht weiterführen.
Erst ganz allmählich öffnet sich im Roman eine zweite Ebene. Zunächst taucht vollkommen unvermittelt auf den Seiten 22 und 25 die Abkürzung SBF auf. Und nach und nach handelt das Buch immer mehr von Pilzen. Erst auf Seite 139 wird das Geheimnis der Abkürzung gelüftet: SBF steht für die Sporenbefreiungsfront, die sich für die Verbreitung von Pilzkulturen und Informationen darüber einsetzt. Es geht im Folgenden auch viel um mykales Denken (Mykologie ist die Wissenschaft der Pilze). Somit wird auch der Titel klar: Hyphen (griechisch: Gewebe) bezeichnet unter anderem „die fadenartigen Vegetationsorgane von Pilzen“ (Wikipedia). Darauf aufbauend werden diese Vernetzungsstrukturen der Pilze als Metapher für die Organisation der Gemeinschaften nach den Stromausfällen verwendet. Dieser Aufbau, bei dem prinzipiell jede/r mit jeder und jedem verbunden ist, hat mich stark an das Rhizom bei Deleuze/Guattari erinnert, die dessen Aufbau, z.B. bei den Zwiebel- und Knollengewächsen, ebenfalls als Metapher verwenden. Dessen verästelte Ausbreitung in alle Richtungen ähnelt sehr den Pilzstrukturen, und wird von Deleuze/Guattari als Alternative zu Baumstrukturen gesehen. Auch das Myzel wird von Luise Meier als Alternative zu einem hierarchischen Aufbau der gesellschaftlichen Strukturen gesehen. Anders als bei Deleuze/Guattari spielen Pilze aber auch inhaltlich eine wichtige Rolle. Meier greift z.B. ein Vorkommnis auf, das es tatsächlich 2015 gegeben hat, dass es nämlich innerhalb kurzer Zeit bei 50 syrischen Flüchtlingen zu Pilzvergiftungen gekommen ist, da es in Syrien offenbar einen essbaren Pilz gibt, der dem giftigen Knollenblätterpilz zum Verwechseln ähnelt. Auch greift sie wissenschaftliche Artikel auf über Plastik fressende Pilze bzw. über eine Studie, die sich mit dem erhöhten Wachstum bei Pilzen nach einem Blitzeinschlag beschäftigt.
Eine der für die Enzyklopädie nomadisierende Person ist Maja, die mir das Alter Ego von Luise Meier zu sein scheint. Denn sie schreibt: „Schließlich hatte sie [Maja] sich fünf Jahre lang mit einer Doktorarbeit über Gotterbauertum und Proletkult gequält.“ (S. 29). Es fällt auf, dass beim Verlag Matthes & Seitz bereits für Mai 2022 das Erscheinen eines Buches mit dem Titel Proletkult vs Neoliberale Denkpanzer von Luise Meier angekündigt war. Nach mehreren Verschiebungen des Erscheinungsdatums soll es jetzt am 30. Oktober 2025 erscheinen. Sie hat anscheinend als Ausweg eine Art von Flucht in den utopischen Roman, nämlich Hyphen, gefunden. Denn dort schreibt sie, „dass sie mit dem ganzen Pilzkult der SBF so nah am Proletkult, am Gotterbauertum, an Bogdanows Tektologie und Comradly Cooperation waren, wie Maja es sich noch vor Jahren, als sie versucht hatte, die Theorien theoretisch zu durchdringen und für den akademischen Bereich zuzurichten, nicht hätte träumen lassen. Das Denken fand außerhalb des eigenen Kopfes statt, das hatte sie bei Bogdanow gelernt, aber erst mit dem Myzel zusammen wirklich verstanden.“ (S. 148)
Bei dem angekündigten Buch Proletkult vs Neoliberale Denkpanzer scheint es sich demnach um ihre Doktorarbeit zu handeln. Meier scheint sich dabei intensiv mit den Theorien kommunistischer Russ*innen im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bis zur Zeit nach der Oktoberrevolution beschäftigt zu haben. Denn das Gotterbauertum ist eine philosophische Strömung des russischen Marxismus, das religiöse Ideen (insbesondere des Christentums) mit denen des Marxismus verbinden wollte. Und die proletarische Kultur versuchte, eine Kultur der neuen herrschenden proletarischen Klasse ohne jeden bourgeoisen Einfluss zu erschaffen. Beide Strömungen sind eng mit dem Namen Alexander Alexandrowitsch Bogdanow verbunden.
Das vorletzte Kapitel des Romans, „Stoffwechsel“, fasst Meiers theoretische Grundlagen zusammen. Es stellt für mich so etwas wie den Höhepunkt des Buches dar, das Credo. Zum einen geht es auf den ökologischen Marx ein, nämlich seine Feststellung einer Unterbrechung des Stoffwechselkreislaufs (metabolic rift), dem man durch die Beachtung von geschlossenen Kreisläufen in der Natur Rechnung tragen kann bzw. muss. Auf diesen wichtigen Punkt wird auch in drei mir bekannten Fachbüchern hingewiesen: Marx and Nature (1999) von Paul Burkett, Marx’s Ecology (2000) von John Bellamy Foster und Natur gegen Kapital (2016) von Kohei Saito. Während diese Fachbücher diesen wichtigen Aspekt aber nur theoretisch betrachten, füllt Meier ihn in Hyphen mit Leben. Sie sieht das utopische Leben der Gemeinschaften nach dem Zusammenbruch der Stromnetze als eine praktische Umsetzung dieser Theorie, bringt sogar die Pilze damit in Verbindung: „Denn irgendwie hat der Pilz durch den Bruch im Stromnetz die anderen Netze oder Kreisläufe repariert.“ (S. 268) Auch betrachtet Meier in diesem Kapitel einen Brief von Marx an Wera Sassulitsch, 1881, „ein Brief, der Maja schon so lange rätseln ließ“. (S. 273) Er zeigt darin einen Marx, der „in den letzten zehn Jahren seines Lebens sein Geschichtsbild von einem linearen Fortschritt und seinen Eurozentrismus zugunsten einer Rückkehr zum Urkommunismus, einer Vernarbung des metabolic rift aufgegeben hatte“. (S. 267)
„Unsere kleine Parteisekretärin“ nennt Meier ihr Alter Ego Maja in ihrem Roman Hyphen. Sie lässt darin ihre Protagonistin trotz der „Peinlichkeit der Hoffnung und [der] Scham darüber an die Möglichkeit einer utopischen Gesellschaft […] glauben“. (S. 30-31) Ein wichtiges Buch in unserer chaotischen Zeit.