Mit der Natur ist es so eine Sache: Vollmond, Nachtigall und Pappelblätter scheinen mit gesellschaftlichen Prozessen nur bedingt etwas zu tun zu haben. Dennoch wurde die Natur in der politischen Ideengeschichte nicht selten herangezogen, um Vorstellungen vom richtigen Leben zu legitimieren. Auch der Anarchismus war alles andere als gefeit vor solchen Erzählungen, die den natürlichen Lauf der Dinge gegen die Überformung des Lebens durch Staat und Kapital verteidigen wollten. Daraus speiste sich in manchen Strömungen eine Technik- und Fortschrittsfeindlichkeit, die die befreite Zukunft als eine Art Rückkehr zum Naturzustand imaginierte. Auch wenn damit zweifellos eine Romantisierung verknüpft ist, lohnt es sich, der Frage nachzugehen, welche „Beziehungen zu nicht-menschlichen und menschlichen Naturen“ die Anarchist:innen anstrebten, „um Freiheit, Gleichheit und Solidarität zu erreichen“ (22). Das tut Milo Probst in seinem Buch „Anarchistische Ökologien“. Er setzt dabei an Kalendereinträgen in anarchistischen Zeitschriften aus dem Schweizer Jura an, in denen tatsächlich die Blätter einer Pappel, blühender Löwenzahn und die Niederschlagung revolutionärer Aufstände gleichberechtigt nebeneinander standen. Von da aus streift Probst durch die Geschichte des Anarchismus von seinen Ursprüngen als politischer Bewegung in den 1870er Jahren bis zu seinem Scheitern als Massenbewegung nach dem Ersten Weltkrieg. Er historisiert das „ökologische Denken“ und zeigt auf, dass und inwiefern die Beziehungen zur Natur als Teil der „Befreiungsbestrebungen und -erwägungen“ (30) mitverhandelt wurden.
Auch ein Antikapitalismus war damit verbunden, der die Kommodifizierung, also das Zur-Ware-Machen von menschlichen Beziehungen wie auch von Natur, kritisierte. Die antikapitalistische Haltung inspirierte die Ideen von einem „anderen, nutznießerischen Gebrauch der Welt und nicht nur von einem Austausch der Eigentümer:innen“ (194). Aber Probsts Studie fördert nicht nur solch Erfreuliches zutage. Schmerzlich ist sicherlich die Einsicht, dass das ökologische Denken kolonialistische Haltungen nicht ausschloss. In Argentinien waren auch Anarchist:innen nicht gegen die Besiedelung des Landes und die Vertreibung der indigenen Bevölkerung: So zeigte sich erschreckender Weise „die Kolonisierung durchaus im Einklang
mit anarchistischen Befreiungsbestrebungen“ (175).
Und Argentinien war keineswegs peripher, es galt damals als ein „Zentrum des globalen Anarchismus“ (196). Neben der Kolonialität, dem Fortwirken kolonialer Muster, gibt es allerdings auch noch weitere Beispiele eher positiver Errungenschaften und Möglichkeiten:
Die Beziehung zum Körper und zu den Umwelten etwa zum zentralen Fokus anarchistischer Pädagogik zu machen, ist nichts, wofür mensch sich als Anarchist:in schämen müsste.
Probst füllt mit seinem großartigen Buch nicht nur eine Forschungslücke hinsichtlich des Gegenstands, dem ökologischen Diskurs, er legt auch eine methodisch innovative Historiographie vor. Dass er dabei nicht an Rolf Cantzens „Weniger Staat – mehr Gesellschaft. Freiheit – Ökologie – Anarchismus“ (1995) und auch nicht an Murray Bookchins Konzept der „Sozialen Ökologie“ aus „Die Ökologie der Freiheit“ (1985) anknüpft, lässt Raum für weitere Ausführungen und Debatten. Schließlich geht es aber, nicht zu vergessen, auch darum, in die Gegenwart zu wirken und „in den Spalten zwischen Herrschaftssystemen“ (202) Veränderungen anzustreben, die die alten Mauern und herrschenden Muster zersprengen wie der Efeu es mit Wänden tut.
Emanzipation und Efeu
Milo Probst hat eine anregende Studie zum anarchistischen Ursprung ökologischen Denkens geschrieben
Milo Probst Anarchistische Ökologien. Eine Umweltgeschichte der Emanzipation Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2024, 296 Seiten, 32 Euro, ISBN 978-3-7518-2044-8