Bruno Loth, Corentin Loth Viva l’Anarchie! 1. Buenaventura Durruti und Nestor Machno bahoe books, Wien 2024: Aus dem Französischen von Maria Rossi, 23 x 30cm, Hardcover mit Fadenheftung, 84 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-903478-33-6
Ich mag Pathos. Und so ist mir im Schaufenster des Rosta-Buchladens das Titelbild von „Viva l’Anarchie!“ sofort ins Auge gefallen. Eine kämpferische Demonstration von Arbeiter*innen mit schwarzen Fahnen. Sie tragen Blaukittel, Latzhosen, schwarz-rote Halstücher, Baskenmützen, Hüte oder Kopftücher. Sie strecken die Fäuste hoch und ein „Huelga General“-Schild, mit dem zum Generalstreik aufgerufen wird.
Wunderbar! Das erste Durchblättern dieser liebevoll gestalteten 84 DIN-A4-seitigen Graphic Novel erzeugte bei mir ein feierliches Ergriffensein. Der Zeichenstil ist offensichtlich von dem von mir verehrten französischen Anarchozeichner Tardi inspiriert und erinnert mich zudem an Golos Graphic Novel „B. Traven“ und „Der König der Vagabunden“ von Bea Davies und Patrick Spät, die beide im avant-verlag erschienen sind und in der Graswurzelrevolution zu Recht gefeiert wurden. Voller Vorfreude auf den Lesegenuss wanderten die 22 Euro also guten Gewissens über die Ladentheke und in die Kasse des linken Buchladens.
Die durchweg bunten Zeichnungen des 1960 in Frankreich geborenen Comiczeichners Bruno Loth und seines Sohnes Corentin Loth zeugen von Leidenschaft und wecken kämpferische Gefühle.
Der Text auf dem Backcover macht neugierig: „Paris, 1927. Nach einem Jahr Haft wird der spanische Anarchist Buenaventura Durruti mit der Auflage entlassen, Frankreich innerhalb von zehn Tagen zu verlassen. Im Untergrund lernt er Nestor Machno kennen, die Galionsfigur des ukrainischen Anarchismus, ein libertärer Kommunist und Begründer der revolutionären Aufstandsarmee Machnowschtschina. Diese Begegnung wird für beide zur Gelegenheit, ihre Erfahrungen und Ideale miteinander zu besprechen.“
Nach Angaben des Verlags zeichnen und erzählen Bruno und Corentin Loth „die wichtigsten Ereignisse im Leben von Buenaventura Durruti und Nestor Machno, jene beiden großen Anarchisten des 20. Jahrhunderts, denen es gelungen ist, den Anarchismus in Katalonien und der Ukraine in die Praxis umzusetzen“.
Dies ist gleich in vielfacher Hinsicht falsch. Buenaventura Durruti war ein Mitglied der anarchosyndikalistischen, spanischen Gewerkschaft CNT und der anarchistischen Föderation FAI. Er war eine bedeutende Person des Anarchosyndikalismus in Spanien, aber die Verwirklichung des kurzen Sommers der Anarchie in großen Teilen Spaniens 1936 ist vor allem den damals etwa zwei Millionen Mitgliedern der CNT zu verdanken, nicht der Einzelperson Durruti.
Nestor Machno (1888–1934) war eine Führungsperson der anarchistischen Bauern-Guerilla
in der Freien Ukraine. Die Machno-Bewegung ist nach ihm benannt, aber ohne sie wäre er auch nur einer von vielen Revolutionären gewesen.
Machno wird von heutigen Anarchismus-Forscher*innen und Gewaltfreien Anarchist*innen zu Recht als problematische Figur gesehen. Er war als Guerilla-Führer verantwortlich für zahlreiche Exekutionen. Auch Durruti (1896–1936), der einstige Bankräuber und spätere Kolonnen-Führer im Spanischen Bürgerkrieg, ist aus gewaltfrei-anarchistischer Sicht keineswegs der Held, als den ihn die beiden Zeichner darstellen.
Das Versprechen, „die wichtigsten Ereignisse im Leben von Buenaventura Durruti und Nestor Machno“ darzustellen, wird von diesem Buch nicht eingelöst.
Die zunehmend brutalere Kriegsführung von Machnos Bauernarmee (vgl. GWR 492) wird nicht kritisch reflektiert. Stattdessen verklärt der Band den bewaffneten Kampf und karikiert Pazifist*innen als naive Träumer. Dabei begann Durrutis eigene Politisierung mit seiner Desertion.
In „Viva l’Anarchie“ wirken die Dialoge zwischen Durruti, anderen Anarchist*innen, Machno und seiner Lebensgefährtin „Galina“ Agafja Andrejewna Kusmenko zum großen Teil hölzern und frei erfunden. Das ist schade. Die Genialität der Zeichnungen verblasst angesichts von Dialogen, die nur sehr selten in die Tiefe gehen und mich bisweilen an WG-Küchentischgespräche von spätpubertären Jungautonomen erinnern. Die Kritik, die Michael Halfbrodt im Oktober 2024 in den Libertären Buchseiten der GWR 492 an der ebenfalls bei bahoe books in Wien erschienenen Graphic Novel „Marius Jacob – Die Arbeiter der Nacht“ geäußert hat, trifft leider auch auf diesen Band zu. Die hier dargestellten Anarchist*innen laufen Gefahr, zu folkloristischen Gestalten zu werden, „zu einer Art Räuber Hotzenplotz der Anarchie“.
Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.